Von Carsten Greiwe

Foto: NGZ


„Städtekrieg zwischen Düsseldorf und Neuss!“ So titelte eine weithin bekannte Boulevard-Zeitung aus der Landeshauptstadt vor einigen Jahren. Auf der ersten Seite, dort wo ansonsten die Großen dieser Welt zum Thema gemacht werden, griffen die Redakteure eine Rede des Neusser Bürgermeisters auf. Was war passiert?

Traditionell hält der Erste Bürger der Quirinusstadt eine Rede auf der „Zog-Zog-Versammlung“ der Bürger und Bürgerssöhne. Sie stellt bekanntlich den Auftakt zum großen Neusser Bürger-Schützenfest dar. Der waschechte Rheinländer Napp philosophierte weiland über das Städtedreieck Neuss – Düsseldorf – Köln. Dass er in diesem Zusammenhang auf die historisch engen Beziehungen der beiden Römerstädte einging und das junge Düsseldorf aufs Korn nahm, ist für einen Neusser Bürgermeister keine Besonderheit. Napp rühmte den Kölner Karneval und das Neusser Schützenfest. Seine Gedanken gipfelten in dem Ausspruch: „Köln feiert einen unvergleichlichen Karneval, Neuss feiert ein unvergleichliches Schützenfest. Düsseldorf feiert beides, doch keines von beidem richtig!“ Bums! Das hatte gesessen.

Vermutlich nehmen die Landeshauptstädter selten wahr, was in Neuss passiert. Diesmal jedoch schäumten sie vor Wut – jedenfalls einen kleinen Augenblick lang. Auch in Köln ist es guter Brauch, mit spitzen Pfeilen gen Düssel zu schießen. Doch nicht nur die Düsseldorfer sind links des Rheins im Visier der Redner. Es ist hierzulande eine besondere Form des rheinischen Lebensgefühls mit lästernden Bemerkungen auf sich aufmerksam zu machen. Das gelingt vor allem dann, wenn auch eine gute Portion Selbstironie mit dabei ist.

In Neuss nennt man dieses liebevolle Lästern Rekeln. Beim Neusser Mundartdichter Karl Kreiner können Interessierte nachlesen, was gemeinhin darunter verstanden wird: „Den Gesprächspartner einer fröhlichen Runde in Weißglut bringen, woran alle ,Rekeliser’ ihren Spaß haben, sogar das Opfer einer zünftigen ,Rekelei’.“ Kreiner erklärt auch, woher dieses Wort aus der Neusser Mundart kommt: „Mit dem Stocheisen in das Feuer des Ofens oder des Herdes hineinstoßen, um den Roster von Schlacken zu befreien und die Glut zu schüren.“ Das Rekeliser ist also ein Stocheisen.

Herbert Napp ist jemand, der diese rheinische Kunst mit Vorliebe betreibt. Jüngst erst war sein besonderer Busenfreund Landrat Dieter Patt „Opfer“ einer seiner Rekeleien. Auf der Prinzenproklamation griff der Bürgermeister die Spekulationen über die Einführung eines Dreigestirns im Neusser Karneval auf. Fluchs meinte er, dass ja der Landrat eigentlich die Rolle des Bauern übernehmen müsse, schließlich sei Patt ja für die Landbevölkerung zuständig. Kein Wunder, dass Herbert Napp bereits den Rekeliser-Orden der Brauchtums- und Karnevalsgruppe erhielt, ganz im Gegensatz zum zurückhaltenderen Landrat.

In der Tat verleihen die Heimatfreunde seit 1978 einen eigenen Orden an jene, die sich im Kunst des rekelnden Wortes besonders hervortun. Dieser Orden ist eigentlich kein klassischer Karnevalsorden, so wenig wie der „Nüsser Ovend“ eine klassische Karnevalssitzung ist, oder jedenfalls ursprünglich einmal war. Wer wollte es schließlich den Neussern vorgeben, nur in der Zeit des Winterbrauchtums kräftig zu lästern? Der Neusser tut dies mit Vorliebe das ganze Jahr über.

Natürlich sind jene besonders häufig unter den Ordensträgern zu finden, die das öffentliche Wort wagen. Dazu gehören neben den ehrenamtlich tätigen Kommunalpolitikern auch Geistliche und Künstler des „Nüsser Ovends“. Dass der Orden in Neuss einen besonders hohen Stellenwert hat, bestätigte auch Dr. Bernd Koenemann im Gespräch mit Elferratsmitglied Sebastian Rosen, das im Jubiläumsbuch der Heimatfreunde nachzulesen ist. „Ich empfinde den Rekeliser-Orden als sehr hohe Auszeichnung“, sagte der Ordensträger von 1992. Koenemann ist übrigens der einzige Ordensträger, der nicht der CDU angehörte, als er die Auszeichnung verliehen bekam. 1992 war er noch stellvertretender Bürgermeister mit FDP-Parteibuch und rekelte mit Vorliebe gegen Kollegen aus den Reihen der CDU. Inzwischen ist der flexible Politiker in die CDU eingetreten, was jedenfalls die politischen Verhältnisse im ehrwürdigen Ordenskapitel wieder geklärt hat. Das Kapitel wird vom Ordenskanzler Hans Mausberg angeführt. Er ist Repräsentant der alten Garde der Neusser Heimatfreunde, die vor Jahren den „Nüsser Ovend“ zu der zentralen Veranstaltung im Neusser Winterbrauchtum gemacht hat. Über viele Jahre prägte Mausberg die Rolle des Prologius’, der stets am Beginn der Sitzung das lokale Geschehen kommentierte. Mit Friedhelm Ruf wurde auch ein zweiter Prologius geehrt. Monsignore Dr. Hans-Dieter Schelauske, Ehrendechant Heinz Pilligrath und Stadtdechant Jochen Koenig repräsentieren die hohe Geistlichkeit und beweisen, dass die Liebe zum Nächsten der Kommentierung des Nächsten ganz nahe kommt.

Mit seiner fulminanten Königsrede am 12. August 2000 hat sich Dieter Krüll in die Annalen der Neusser Schützen geschrieben. Drei Jahre später wurde er für seine Rekeleien mit dem Orden ausgezeichnet. Immer wieder werden Neusser ausgezeichnet, die auch im Schützenwesen aktiv sind, wie zum Beispiel Jägermajor Heinz-Peter Jansen 1997. Das Rekeln ist also nicht auf den Karneval beschränkt, sondern erfasst den Neusser, sobald er aus dem Quirinus-Pütz geklettert ist.

Der Rekeliser-Orden war aber immer auch eine gesellschaftspolitische Auszeichnung. Als zum Beispiel der Düsseldorfer Oberbürgermeister Josef Kürten 1984 den Orden verliehen bekam, sollte dies als Brückenschlag in die Landeshauptstadt dienen. Vergeblich – der Ordensträger wurde nie wieder gesichtet.